Büxi bloggt

Fukushima

Am Flughafen in Sofia stiess ich auf meinen Freund Akira Sasaki von der japanischen Ski-Nationalmannschaft. Voller Stolz erzählte ich ihm von meinen Plänen, in 2 Tagen nach Tokio zu fliegen. Verständlicherweise wollte er Genaueres wissen …

Grundsätzlich ging es bei meiner Reise darum, den Importeur von HEAD-Japan kennenzulernen. Das Ziel: Meinen selbstdesignten Büxi-Ski ab der kommenden Saison auch in Japan zu verkaufen. Daneben freute ich mich auch sehr auf den Besuch bei meinem guten Freund Nao Yamada, der seit einem Jahr eine Bar inmitten von Tokio besitzt.

Japan hat mich schon immer fasziniert. Und da mein letzter Trip in das Land der aufgehenden Sonne schon über elf Jahre zurückliegt, freute ich mich enorm auf diese Kurzreise. HEAD hatte bereits sämtliche Vorbereitungen getroffen und ein Programm für mich zusammengestellt. Aber erst am Flughafen in Sofia/Bulgarien wurde mir klar, worauf ich mich wirklich eingelassen hatte. Und zwar in dem Moment, als ich Akira Sasaki den Ablauf meiner Reise schilderte. Als ich den Namen Koriyama erwähnte fragte er mich, ob ich einen Scherz mache. Erst da fiel mir auf, dass der Name Fukushima des Öfteren auf meinem Programm auftauchte.

Der Plan sah also vor, dass ich in ein hochverseuchtes radioaktives Gebiet reisen sollte. Der Name Fukushima ist weltweit mit einer der grössten atomaren Katastrophen der Geschichte verbunden. Meine Alarmglocken klingelten in jenem Moment ziemlich laut.

Trotzdem sass ich zwei Tage später im Flugzeug nach Japan. Ich war mir sicher, dass meine Kollegen von HEAD mich keiner unnötigen Gefahr aussetzen würden. Kaum in Tokio angekommen, wurde ich von meinem ehemaligen Rennfahrerkollegen Gaku Hirasawa abgeholt. Er brachte mich direkt ins Hotel und sollte die kommenden Tage zusammen mit mir verbringen. Die ersten zwei Tage erkundete ich Tokio. Ich war absolut fasziniert. Vor vielen Jahren konnte ich schon einmal Bekanntschaft machen mit dieser pulsierenden Stadt. Aber niemals so ausgiebig wie diesesmal. Die Nacht in Naos Bar begann ruhig, endete aber – dank Jetlag – weit nach Mitternacht.

Dann ging es los, in das Gebiet von Fukushima. Mittels dem Shinkansen (Bullettrain) direkt nach Koriyama. Dort angekommen, wurden wir von einem HEAD Mitarbeiter abgeholt. Es fiel mir sofort auf, dass Hiroaki auf einem Auge blind war und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass dies wohl mit den radioaktiven Strahlen zusammenhängen könnte. Nach einer weiteren Fahrt von zwei Stunden war das erste Skigebiet erreicht. Es lag im Herzen der Präfektur Fukushima, und bestand aus einem einzigen Sessellift. Kaum angekommen, winkten mir die ersten Kids entgegen. Anscheinend erwarteten sie mich schon. Meine Aufgabe lag darin, zwei Tage lang mit den Kindern Ski zu fahren, ihnen Tips und Tricks zu zeigen und ein Training zu absolvieren.

Es sollten unvergessliche Tage werden für mich. Das Lachen der Kinder und das Glänzen in ihren Augen werden für mich unvergesslich bleiben. Auch wenn ich kein Japanisch verstand, so konnte ich mit den Kids und Jugendlichen problemlos kommunizieren, und wir lachten oft und herzhaft. Auch technische Fragen wurden mir oft gestellt – alle wollten von meinen Erfahrungen zehren. Glücklicherweise stand mir dann doch mit Gaku ein kompetenter Übersetzer zur Seite. Auch die Nächte in den typisch japanischen Gasthäuser bleiben unvergesslich. Ein kurzer Besuch in den Onzen (heisse Quellen), das japanische Essen im Schneidersitz auf den Bambusmatten, das japanische Bier sowie der Reiswein machten den Aufenthalt unglaublich schön.

Am dritten und letzten Tag war ich als Vorläufer eines Rennens vorgesehen: Die Meisterschaft im Super-G der Präfektur Fukushima. Für mich war es super, wieder einen Super-G im Rennanzug zu bestreiten. Aber es gab mir auch die Gewissheit, dass mein Rücktritt vor 2 Jahren eine gute Entscheidung war. 

In einer Zeremonie überreichte ich dem Skiteam Fukushima den Rennski, welchen ich als Vorläufer fuhr. Zudem überliess ich ihnen meinen Rennanzug. Der gesamte Vorstand des Verbandes war anwesend, alle Coaches, Kids und viele Eltern. Ein TV-Team filmte alles und Journalisten machten Fotos. Wer die Dankbarkeit der Japaner schon einmal erlebt hat, der kann sich vorstellen wie herzlich diese Zeremonie war. Ich wurde ausgiebig gefeiert, und die Tränen standen mir in den Augen. Aber eigentlich war nicht ich der Star, sondern all diese Menschen. All diese Menschen, welche probieren weiterhin einem „normalen“ Leben nachzugehen. Menschen, welche sich nicht verunsichern lassen. Denen die Regierung etwas verspricht, was vielleicht nicht wahr ist. Menschen, welche einfach dankbar sind für das was sie haben. Ich kenne nicht all ihre Geschichten. Ich weiss nicht wer wieviele Angehörige bei dem Erdbeben und anschliessendem Tsunami verloren hat. Ich weiss auch nicht, wie viele dieser Menschen aus ihren Häusern evakuiert wurden, da sie in unmittelbarer Nähe zum havarierten Atomkraftwerk wohnten. Aber ich habe gesehen, dass sich alle aufrichtig freuten Ski zu fahren, die Natur zu geniessen, und einfach Zeit mit mir zu verbringen. Ich zählte nicht, wie viele Hände ich geschüttelt habe, wie viele Fotos gemacht wurden, oder wie viele Umarmungen ich gegeben habe. Aber ich habe Menschen getroffen welche mir ans Herz gewachsen sind. Und eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich werde dorthin zurückkehren. Radioaktive Strahlung hin oder her. Mir liegen diese Menschen am Herzen.

Alle Mitglieder des Skiteams tragen dasselbe Logo auf ihren Kleidern. FUKUSHIMA – NEVER GIVE UP. Ich jetzt übrigens auch.

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Eine Antwort auf Fukushima

  1. 1. März 2012 um 15:25, Otto sagt:

    Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

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